Das Dia ist tot, lang lebe das Dia!

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Das Dia ist tot, lang lebe das Dia!

Gedanken zur Veränderung der Bildbearbeitung und was dies für innovative Mediendienstleister bedeutet

Manchmal ist die Zeit noch nicht reif für die Ideen, die wir haben und manchmal verschwinden Unternehmen vom Markt, weil sie nicht oder nicht früh genug reif waren für neue Ideen. Beides gilt für die Entwicklung der Bildbearbeitung in den vergangenen knapp 20 Jahren. Seit 1994, mit Beginn der Umstellung auf die digitale Fotografie, informieren unsere Colormanagement-Experten über die Bedeutung der medienneutralen Bildbearbeitung und -vorhaltung. Denn die Nutzung einer solchen Masterdatei ist nichts anderes, als das bis dahin verwendete Dia: maximale Bildinformation. Einher ging unsere Informationsoffensive bereits damals mit der wärmsten Empfehlung, eine zentrale Bilddatenbank einzurichten, denn die Dias verschwanden ja zusammen mit diversen Disketten im Schuhkarton im Keller.

Und was ist seitdem passiert? Die medienneutrale Masterdatei, zunächst im LAB- und seit vielen Jahren bereits im ECI-RGB-Farbraum, ist als digitales Dia die Quelle für sämtliche Ausgabeformate und Endgeräte in crossmedialen Kampagnen. Zumindest sollte das so sein, wenn Werbeverantwortliche flexibel und sicher agieren wollen. Tatsache ist, dass es noch immer Unternehmen gibt, die Daten für einen Ausgabekanal herunterrechnen, diese Daten ausarbeiten und für den nächsten Kanal nur noch stark reduzierte Bildinformationen zur Verfügung stellen. Redundante Arbeiten, hohe Fehlerquoten und starke Qualitätsverluste sind neben der eingeschränkten Flexibilität die Folge. Einige Unternehmen und Dienstleister, die bis zuletzt an dieser – und sicherlich nicht nur dieser – Arbeitsweise festhielten, sind in der Zwischenzeit vom Markt verschwunden.

Erfreulicherweise gibt es aber auch die innovationsfreudigen Leuchttürme, die ihre Prozesse bereits vor vielen Jahren umstellten und medienneutrale Daten in PIM- und MAM-Systemen vorhalten. Diese Unternehmen profitieren heute von einem konsistenten Bilddatenbestand, da Retuschen ausschließlich auf der einen Master-Datei ausgeführt werden. Ein bereits im Webshop platziertes Produktbild wird automatisch aktualisiert, sobald eine Änderung am Masterbild vorgenommen wurde. Erfolgreich und flexibel kann so mit allen Medien und Kanälen der Multi-Channel-Kommunikation jongliert werden.

Obwohl bereits fast 20 Jahre alt, ist die medienneutrale Bilddatenaufbereitung aktueller und wichtiger denn je zuvor. Der Kosten- und Zeitdruck in Multi-Channel-Produktionen war nie höher, die Anzahl der Kanäle und diversen Endgeräte nie größer. Nur wer bei diesen Rahmenbedingungen einen effizienten Gesamtprozess etabliert, kann am Markt erfolgreich agieren. Und hierzu zählt inzwischen auch die medienneutrale Bereitstellung sämtlicher Textelemente.

Waren früher die Bilder im E-Commerce eher ein „Abfallprodukt“, sind erfolgreiche Onlinehändler sich heute darüber bewusst, dass man nur mit hochaufgelösten, sehr gut ausgearbeiteten Bildern Begeisterung und Kaufimpulse weckt. Der Zoomfaktor verzeiht keine Fehler oder schlechte – da zu gering aufgelöste – Daten. Und der Endkunde kauft kein Retina-Display, um darauf die Pixel zählen zu können.

Dennoch kann es aufgrund des Kostendrucks zukünftig auch vermehrt zu Abweichungen beim Qualitätsstandard kommen. Insbesondere im schnelllebigen Fashion-Handel kann der Lebenszyklus eines Artikels fast dem einer Stubenfliege gleichgesetzt werden. Der Einsatz und die Gewichtung der Kanäle verschieben sich: Print teasert und lockt durch stark individualisierte und zielgruppenoptimierte Kommunikation in den Shop, das gesamte Sortiment wird aber erst dort beworben. Nicht nur die Anzahl der Artikel steigt aufgrund der kostengünstigen Möglichkeit der Online-Darstellung, auch die Anzahl der Bilder eines einzelnen Produktes ist stark gestiegen, um den Kunden bestmöglich zu informieren und zu begeistern. Vor dem Hintergrund dieser Bilderflut, die zum Teil nur in den Online-Kanälen zum Einsatz kommt – im gedruckten Objekt landen nur noch die online erprobten Renner – macht eine Unterscheidung Sinn. Kalibrierte Monitore sind in der privaten Nutzung nicht vorhanden. Das Abmustern von Textilien, die (zunächst) nur online beworben werden, kann daher zum Beispiel aus Kostengründen entfallen.

Content muss zukünftig in großen Mengen und immer kürzeren Zeitfenstern erzeugt werden. Möglich wird dies nur im Rahmen stark standardisierter Abläufe und höchst effizienter Prozesse.

Die „industrielle“ Produktfotografie erzeugt, z. B. im Studio.Laudert, hunderte von Produktbildern in einer Woche. Auf Basis definierter Lookbooks und unterstützt durch entsprechende Software, ist dies realisierbar. Sobald die Ware zu einem Auftrag eintrifft, wird diese eingecheckt, mit Barcode versehen und so in den Prozess gegeben. Vorab definiert, ist im System abrufbar, welche Aufnahmen für den Kunden erzeugt werden müssen: Leger, Büsten, Modelaufnahmen und Videoclips sind denkbar.

Der nachgelagerte Bildprozess sorgt – wenn gewünscht – für den webbasierten Freigabeprozess und koordiniert, was wie und in welcher Reihenfolge mit den Aufnahmen vor Auslieferung zu passieren hat: Freisteller, Masken, Umfärber, Ausführung individueller Retuscheanweisungen etc.

Damit für das Produkt ein komplettes Content-Paket entsteht, werden beim Wareneingang Artikel-Attribute erfasst, die dann im Texter-Team, zusammen mit den Informationen aus der Warenwirtschaft, zu (SEO) Produkttexten verschmelzen.

Von größter Bedeutung sind in diesen komplexen Multi-Channel-Medienproduktionsprozessen letztlich die Schnittstellen zu den einzelnen Datenbanken und Ausgabesystemen. Dies muss nicht zwingend bedeuten, dass eine komplexe PIM/MAM-Lösung erforderlich ist. Oftmals kann in einem ersten Schritt auch schon mit kleinen, intelligenten Automatismen und Schnittstellen eine deutliche Optimierung hinsichtlich der Produktionsgeschwindigkeit und -sicherheit erzielt werden. Teilautomatisierte Abläufe und manuelle Arbeiten sind in einem stringenten Gesamtprozess in Einklang zu bringen und systemgestützt zu überwachen.

Umfassende Colormanagement- und Workflow-Expertise wird daher auch zukünftig von größter Bedeutung sein. Bildbearbeitungskompetenz ist nicht mehr ausreichend. Nur Medien-IT-gestützt können Massen von Bildern effizient und zu den marktüblichen Preisen für jeden Kanal in größtmöglicher Qualität automatisiert bereitgestellt werden – ausgehend von der Masterdatei, dem digitalen Dia.

Anne Wesseler, Ltg. Marketing + PR